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D. SalewskiT. FrölichK. WegemannS. WewerkaH.J. Lee 

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Mit ihrem Projekt für den Wewerka Pavillon in Münster hat Theresa Frölich dieses in den Wiesen des Münsteraner Aasees gelandete Ufo in ein rot erglühendes Objekt verwandelt, das sich über eine komplexe Installation von Fäden in die Umgebung integriert und diese zugleich auf verstärkte Weise kontrastiert.

Der Boden des Pavillons ist komplementär zur grünen Umgebung in ein stechendes Rot getaucht. Durch die Spiegelung der Farbe an der Decke des Pavillons wird dieser zu einem markanten Farbakzent. Zwischen dem Boden, den Verstrebungen und der Decke des Pavillons sind weiße, robuste Seile zu einem dennoch filigran wirkenden Netz gespannt. Sie scheinen in ein ebenfalls mit weißem Seil konstruiertes Gehirn, das sich in der Mitte des Pavillons auf dem Boden offenbart, hineinzuströmen oder auch aus diesem hinauszufliesen. Die Spiegelungen der Seile in den Glasscheiben des Pavillons greifen in die umgebende Natur ein, so dass ein verwirrendes Spiel von Dopplungen und Vervielfachungen entsteht. Der Betrachter befindet sich auf diese Weise mitten in der Installation, obwohl der Pavillon selber schon seit Jahren nicht mehr für Besucher betretbar ist. Die schwarzen, dünneren Fäden, die auf dem Boden teilweise parallel zu den weißen in der Luft verspannten Stricken verlaufen, aber dann auch aus diesem Konzept ausreißen, sind erst auf einen zweiten Blick erkennbar. Sie konkurrieren mit den Schatten der stärkeren Seile, die durch pointiert gesetzte Scheinwerfer entstehen. So evozieren sie ein dynamisches Linienspiel, das zwischen diffuser Verschwimmung und klarer Abgrenzung liegt.

Während Theresa Frölich mit ihrer vorangegangenen Ausstellung Soul Surfer den Betrachter in einen virtuellen Raum ohne genau definierbare Grenzen entführt hat, hält sie ihm im Wewerka Pavillon durch die Materialisation des Nicht-Sichtbaren einen Spiegel seines eigenen Selbst vor. So scheint einem in der Installation Mind Hacking der eigene angegriffene Verstand bzw. die eigene attackierte Seele vor den Füßen zu liegen, die eigene konstruierte Individualität deren Identität durch die unterschiedlichsten Begebenheiten, Erfahrungen und Ereignisse geformt, beeinflusst oder bestimmt wird. Mit Mind Hacking konfrontiert Theresa Frölich den Betrachter mit einer der Urfragen des Menschen. So wird die Frage nach der Bedeutung des Menschen, die Frage ob dieser nur eine Spielfigur, verloren in den Weiten des Universums sei oder ein souveränes Subjekt, das auf der Erde selbstbestimmt seinen Weg geht, spürbar. Die vielschichtige Arbeit der Künstlerin bietet die Möglichkeit der individuellen Auseinandersetzung mit diesem Thema und der Suche nach einer möglichen Antwort für jeden Einzelnen. Vier, innerhalb der ersten Ausstellungswoche vor dem Wewerka Pavillon präsentierte Filme liefern verschiedene Facetten des menschlich manipulierbaren Gehirns bzw. des Verstandes und der Seele des Menschen.(1) Die Filme sprechen von Angst, Macht, Unfreiheit und Kontrolle, aber auch von Ausbruchsmöglichkeiten, Individualität, Liebe und Hoffnungen. Das Für und Wieder des menschlichen Fortschritts durch Techniken wie Waffen, Maschinen, Medien und Neuroprothesen wird angesprochen und zur Diskussion gestellt.

In dem Anime Ghost in the Shell, der zu den vier vorgeführten Filme zählt, steht das Treiben des so genannten Puppet Master sinnbildlich für Theresa Frölichs Installation. Dieser wird von der für öffentliche Sicherheit zuständigen Sektion 9 gejagt, da er die ghosts verschiedener Cyborgs manipuliert. Dazu durchbricht der Puppet Master auf unerklärliche Weise die shell, die Biokapsel, in der der ghost eines Cyborgs bewahrt wird, wodurch er Einfluss auf die Identität und Persönlichkeit seiner Opfer nehmen kann. Er löscht deren Erinnerung und flößt ihnen eine illusorische Identität ein, die sie für real halten. Der Eingriff auf den Geist menschlicher Wesen ist Kern des ebenfalls präsentierten Films Die Stadt der verlorenen Kinder.  Krank, der teuflische Boss einer Gruppe missglückter Reagenzglaskreaturen, wird von seiner Unfähigkeit zu träumen geplagt. Um der damit einhergehenden schnell fortschreitenden Alterung ein Ende zu bereiten, versucht er die Träume von gekidnappten Kindern zu stehlen. Eine Art physisches und geistiges Pendant zum niederträchtigen Krank bildet Irvin, ein an Migräne leidendes Gehirn in einem Aquarium, das in der Installation von Theresa Frölich sozusagen seine Hommage findet. Interessant ist, dass Irvin zwar von Krank zu beliebiger Zeit in Betrieb genommen werden kann, Irvin es aber trotzdem schafft über das Medium der Sprache und mittels seiner Intelligenz Krank in die Irre zu führen.(2)

Neben den virtuell-technoiden Zukunftsvisionen in Ghost in the Shell und den träumerisch-märchenhaften in Die Stadt der verlorenen Kinder, liefern die Verfilmung des gleichnamigen Romans von George Orwell 1984  und der Dokumentarfilm von Lutz Dambeck Das Netz deutlich beklemmendere Visionen einer Vergangenheit, Gegenwart bzw. Zukunft.(3) Beide Filme, der eine durch seine historischen Bezüge und seine medialen Voraussagungen, der andere durch sein Enthüllen von zeitnahen politischen, künstlerischen, militärischen und philosophischen Vernetzungen, sind für mich persönlich weitaus beunruhigender. Sie schaffen es, den Zuschauer aus der Balance zu werfen und regen zur intensiven Reflexion über die eigene konstruierte Wirklichkeit und das alltägliche Handeln an. Eine Qualität, die auch Theresa Frölichs Installation als verstricktes Verwirrspiel in sich trägt und deren Präsenz vor, während und nach den Filmpräsentationen wie eine Brücke oder ein Schlüssel zwischen Betrachter und Film fungiert.

Über die Verknüpfung ihrer dynamischen Rauminszenierung mit einer gut durchdachten Auswahl von Science-Fiction Filmen hinterfragt die Künstlerin die Veränderung des Selbstbildnis und der Wahrnehmung des Menschen im heutigen technologischen Zeitalter. Auf der Suche nach den Einflussfaktoren, die sich auf rationaler sowie fiktionaler Ebene antreffen lassen, und dem Aufzeigen von Mechanismen der Bewusstseinskontrolle, schafft sie einen Raum der die Reflexion des eigenen Lebenskonzeptes herausfordert. Ihre Arbeit, die von der Fläche in den Raum übergreift, materialisiert über das Spannen eines Netzes diese für den Einzelnen nur schwer greifbaren und unbekannten Faktoren, die auf die eigene Identität Einfluss nehmen. Virtueller, spiritueller und kultureller Raum werden über die Besetzung realen Raumes, dem Wewerka Pavillon und dessen Umgebung, thematisiert. Gleichsam wie der Mensch im Alltäglichen häufig in automatisiertem Handeln und Denken gefangen ist, wird er in das Netz der Installation von Theresa Frölich eingewoben.

(1) Die folgenden Filme wurden gezeigt: Das Netz (2004) von Lutz Dambeck, 1984 (1984) von Michael Radford, Die Stadt der verlorenen Kinder (1995) von Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet und Ghost in the Shell (1995) von Mamoru Oshii.

(2) Die Idee des Gehirns im Tank, die Idee, dass der Mensch lediglich aus einem Gehirn in einer Nährlösung bestehen könne, welchem die Wirklichkeit nur vorgespielt wird, existiert in der Philosophie seit dem frühen 20. Jahrhundert und dient häufig als Argument des Skepti-zismus. In der Literatur und im Film kann diese Idee als Grundlage vieler verschie-dener Fiktionen gelten. So scheint die Idee des Gehirns im Tank, neben Ghost in the Shell und in indirekter Form Die Stadt der verlorenen Kinder, auch eines der Fundamente des Films Matrix (1999) von Larry und Andy Wachowski zu sein.

(3) Das Buch 1984 von George Orwell (1949) und somit auch der Film von Michael Radford (1989) basieren auf der Darstellung eines totalitären Über-wachungsstaates, in dem die Parteimitglieder anhand von Telebildschirmen unter dauernder Beobachtung stehen. Durch das Unterdrücken von Gefühlen, Liebe und freien Gedanken sowie das Umschreiben von Geschichte wird die menschliche Identität und Individualität systematisch ausgelöscht. Mit seinem Roman nimmt Orwell sowohl Kritik an jeglicher Form des Totalitarismus als auch am Kapitalismus, der als Vorstufe des totalitären Staates begriffen wird. Der Film Das Netz (2004) setzt auf beeindruckende sowie verunsichernde Weise Medienkunst, Kybernetik, LSD, Systemtheorie, Militär und Bewusstseinkontrolle zueinander in nachvollziehbare Beziehungen. Auf der Suche nach Berührungspunkten im Leben des Unabombers Ted Kazcynski verfolgt Lutz Dambeck ein weit verzweigtes Netz an Theorien, Personen und Ereignissen, die für die heutige, auf Maschinen-systemen beruhende Welt von Bedeutung sind.