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F. GahrmannM.Böhler / Ch.OrendtP. SchlossK. KuznetcowaK. Ivlev 

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Schlicht, nüchtern und zurückhaltend präsentieren sich die meisten Arbeiten von Peter Schloss auf den ersten Blick, jedoch ohne dabei auf ästhetische Ansprüche zu verzichten. Erst beim genaueren Hinsehen lässt sich ihr wahrer Gehalt erkennen. Dies gilt auch für die Installation Rawls‘ Room, die vom 20. Juni bis zum 17. August 2008 im Wewerka-Pavillon in Münster gezeigt wurde.

Beinahe verloren steht in der Mitte des gläsernen Bauwerkes ein runder, weiß lackierter Sockel, auf dem sich ebenfalls mittig ein runder Marmorkuchen befindet, neben dem ein handelsübliches Messer liegt. Sonst ist der Raum leer, der Betrachter versucht sich automatisch zu orientieren, was jedoch durch die Durchblicke in die den Pavillon umgebende Natur erschwert wird.

Die Raumgrenzen verschwimmen, doch an den verschlossenen Türen findet er schließlich einen Rettungsanker. Hier hängt jeweils ein Schild aus milchigem Plexiglas, leicht schräg und wie zufällig dort vergessen. Doch statt der zu erwartenden Sätze wie beispielsweise „wegen Renovierung geschlossen“ oder „bin gleich zurück“, die man von Schaufenstern und Ladenlokalen kennt, eröffnet Peter Schloss dem Betrachter hier den tieferen Sinn, der hinter seiner Arbeit steckt. So ist auf den Schildern folgender Text zu lesen:

 

Rawls’ room

Die Grundidee, die John Rawls in „A theory of justice“ (1971) als Gedankenexperiment vorschlägt, um zu einer allgemein akzeptierbaren Theorie der Gerechtigkeit zu gelangen, lässt sich etwa so illustrieren:

In einem verschlossenen Raum befindet sich sichtbar ein Kuchen. Wie der – sprichwörtliche – Kuchen zu verteilen sei, sollen die vor dem Raum Anwesenden diskutieren. Zu einer gerechten Aufteilung kommen die „Versuchspersonen“, sofern sie sich vorstellen, die Verteilungsmodalitäten unter der Annahme festzulegen, dass sie beim Eintritt – wie durch Zauberhand – als ein Anderer „wiedergeboren“ werden würden. D.h. sie müssen bei ihrer Entscheidung berücksichtigen, mit einer potentiellen Verschlechterung oder Verbesserung ihrer finan-ziellen Mittel, sozialen Rolle, Bildung und Physis – sowie mit möglicherweise verändertem Alter, Geschlecht oder anderer Hautfarbe – unter den zuvor selbstgewählten Regelungen leben zu müssen.

Der Pavillon wird dadurch zu einem geschlossenen, fiktiven System – einem Mikrokosmos, der sich innerhalb unserer realen Gesellschaft befindet, seine Grenzen werden trotz der Glasscheiben, die einen Ausblick ermöglichen, akzeptiert. Gerade in der Zeit zunehmender Globalisierung, erlaubt dies dem Rezipienten Gedankenspiele über die Position Deutschlands innerhalb Europas, Europas in der Welt oder gar der Welt im Universum, je nachdem wie er den Anwendungs- und Geltungsbereich der angestrebten Theorie definiert.

Der Sockel wird zum sprichwörtlichen „runden Tisch“, an dem sich die verschiedenen Parteien versammeln, um zu verhandeln, wie es zu einer gerechten Aufteilung kommen könnte. Der Kuchen symbolisiert hierbei die materiellen Güter der Gesellschaft über die sich die meisten Menschen im 21. Jahrhundert definieren und von denen jeder seinen Teil abbekommen will und soll. Das Messer wird zum gewaltsamen Instrument der Aufteilung.

Die Leere des Raumes hingegen birgt Platz für Ideen, Vorstellungen und Gedankenkonstruktionen des Betrachters, der dadurch plötzlich zum Teil der Installation wird – er muss entscheiden, wie der Kuchen gerecht aufgeteilt werden kann. Da der Betrachter durch seine Verwandlung – wenn er das System betreten würde – nicht vorhersagen kann, welche Art Mensch er sein wird, stellt ihn dies vor ein äußerst komplexes Gedankengerüst, das ihm jedoch gleichzeitig auch alle Freiheiten gibt. Er kann bzw. muss daher seinen eigenen sozialen Hintergrund vergessen und ein System entwickeln, von dem er glaubt, alle Menschen innerhalb seines Vorschlags zufrieden zu stellen. In einer ersten Phase wird er gezwungen, sich seine eigenen Gedanken zu machen, um diese dann in einer zweiten Phase mit den anderen Betrachtern zu diskutieren und anschließend mit ihnen – sofern überhaupt möglich – zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Rawls selbst propagiert, dass man mittels der Annahme des „magischen Moments“ der risiko-behafteten Wiedergeburt zu einer einzigen und für alle akzeptablen Lösung kommen würde, die absolute Gültigkeit besäße und gerecht wäre. Während Rawls in seinem Buch detailliert beschreibt, wie diese Theorie konkret aussieht, macht Schloss mit seiner Arbeit keinerlei Vorgaben. Er konstruiert vielmehr eine empirische Testversion des Gedankenexperiments, wodurch das Werk seine eigentliche Handlungsbühne verlässt. Der Betrachter kann über die politischen Systeme, die derzeit auf der Welt vertreten sind, nachdenken und sie kritisch hinterfragen, denn er kommt in den Genuss, sich wie ein Staatsoberhaupt zu fühlen. Wer hat noch nie über „die Politiker“ geschimpft und sich gedacht, dass er / sie selbst es besser machen könnte. Da beim geforderten Austausch der eigenen Ideen verschiedene Menschen mit unterschiedlichem Kenntnisstand aufeinandertreffen, kann sich die Diskussion auch weg vom Kuchen – also den materiellen Gütern, hin zu anderen Lebensbereichen und allgemeinen moralischen Werten entwickeln.

Schloss überträgt den theoretischen Ansatz von Rawls auf ein reales Geschehen, es wird zum wahrhaftigen, erlebbaren Experiment. Der Betrachter muss sich also auch damit befassen, ob der Ansatz dieser auf philosophischer Ebene entwickelten Theorie überhaupt stimmig, durchführbar und auf die Realität übertragbar ist. „A theory of justice“ bietet lediglich die künstlerische Inspiration, die ethische Reflektion und die Bewertung des Kunstwerkes bleiben dem Rezipienten überlassen. Denn selbst wenn er die beschauliche Szenerie verlässt, wird er sich doch weiterhin mit diesen Fragen beschäftigen, sein politisches und ethisches Denken wird geschärft und seine Sichtweise auf die Kunst verändert. „Rawls‘ room“ ist ein Werk, welches einen Anstoß bietet und die Betrachter allein zurücklässt, zum Nachdenken anregt und nachhaltig wirkt. Peter Schloss vereint hier Politik und Philosophie mit dem Genuss von Kunst in einer subtilen und dennoch einzigartigen Art und Weise.