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Raumkokon

Die Struktur des Wewerka Pavillons besteht aus reduzierten Stützen, dem Dach und den dominierenden, umlaufenden Glaswänden, die die Einsicht in und den Blick durch den Raum ermöglichen. Der für BesucherInnen nicht zugängliche, nur von außen zu besichtigende Ausstellungsraum wird durch die Arbeit „Scheibenkleister“ als architektonisches Objekt erfahrbar. Das Konzept der ortsgebundenen Installation von Katrin Wegemann interagiert mit den architektonischen Gegebenheiten des Pavillons.

Auf den Glasflächen liegt eine milchige, nur wenig transluzente, nahezu undurchsichtige Schicht. Das Material ist handelsüblicher Tapetenkleister, dem durch Experimente eine transformierte Funktion zugewiesen wurde.

In den ersten zwei Phasen des Werkprozesses wird zunächst flüssig, dann dick angerührter Kleister mit den Händen auf die Glaswände aufgebracht und verrieben bis die komplette Fläche überzogen ist. Die Masse fließt herunter, tropft und beginnt anzutrocknen. In mehreren Arbeitsschritten wird so eine unregelmäßige Schicht über die nächste gelegt. In der dritten Phase diffundiert Wasser aus dem Kleister – getrocknete Bereiche beginnen sich von den Ecken der Scheiben aus abzulösen, die in der vierten Phase zur Raummitte hin bahnenweise abblättern und so Stück für Stück die Sicht in und durch das Gebäude wieder freigeben. Die gelöste Haut, die getrockneten Kleisterbahnen liegen geschrumpft, gerissen und gerollt auf dem Boden des Ausstellungsraumes. Die Gewichtung der bildhauerischen Arbeit verlagert sich von der installativen Raumplastik zur Bodenskulptur.

 

Nach außen werden Geräusche übertragen, die ihren Ursprung im Innenraum haben. Es knackt, es knistert – es scheint eine verrätselte Bewegung hinter den Scheiben stattzufinden. Es ist die Installation, die ihren eigenen prozess- und materialimmanenten Gesetzen folgt. Die Bewegung im Material, das Schrumpfen der Kleisterschichten erzeugt hörbare Spannungen. Das Innere, welches für einen gewissen Zeitraum dem Blick von Außen entzogen ist, verschließt sich zu einer beinahe privaten Atmosphäre.

Katrin Wegemanns Arbeiten des letzten Jahres zeigen ihr Interesse an dieser Raumgrenze, der Trennung von Innen und Außen, dem Übergang zwischen Öffentlichem und Privatem. Diese Schnittstelle ist nun sichtbar gemacht und gleichzeitig betont durch die Aufbringung einer zusätzlichen Schicht.

 

Zur Eröffnung sind alle Fenster vollständig verdeckt. Doch der Blick durch die Fenster öffnet sich im Laufe der Ausstellung sukzessive, bis die Kleisterschicht sich vollständig vom Träger nach innen geschält hat. Es findet eine Art „Häutung“ statt – eine Melange aus organischen, anorganischen und physikalischen Prozessen. Durch die andauernde Entwicklung des Kunstwerkes ohne weitere Eingriffe der Künstlerin wird der Werkgedanke unterlaufen, demzufolge ein Kunstwerk seine Vollendung erst mit den letzten Handgriffen erfährt. Der natürliche Verlauf des Schrumpfens erschafft eine Skulptur, die sich im Werden befindet, ein Eigenleben führt, abhängig von der Wetterlage.

Durch diese „innere Häutung“ wird die Grenzfläche des Raumes von Katrin Wegemann sichtbar gemacht. Die eng anliegende Kleisterschicht konstituiert das sichtbare Volumen des Raumes. Im Stadium der Ablösung trennt sich die Abformung des Pavillons von den Wänden ab. Der „White Cube“ implodiert – langsam.

 

Arne Reimann

 

Zusätzlich gibt es ein Dokumentationsvideo sowie eine CD mit Audioaufnahmen.
Bei Interesse schreiben Sie eine Mail an kw@katrinwegemann.de  www.katrinwegemann.de