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D. SalewskiT. FrölichK. WegemannS. WewerkaH.J. Lee 

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Im Inneren des Wewerka-Pavillons am Aasee hat Hean Jung Lee eine orangefarbene
Zeltkonstruktion mit blauem Dach installiert, deren Wände als Projektionsfläche von
Schattenfilmen dienen. Es werden drei Videofilme je auf eine Wand der Zeltkonstruktion projiziert. Das Zelt wurde einem „Po-Sang-Ma-Tscha“, so auch der Titel der Arbeit, einer Art Zeltkneipe in Korea nachempfunden, die man gewöhnlich auf der Straße in Städten findet und so das Stadtbild prägt. Diese Art Zeltkneipe wird meistens abends auf- und tagsüber wieder abgebaut und hat somit einen provisorischen Charakter: Den wichtigsten Bestandteil einer Zeltkneipe bildet eine Art Karren, in den eine Kochtheke montiert wird. Vor und neben der Kochtheke werden ein paar Tische, Stühle und Bänke plaziert. Das ganze Arrangement wird schließlich mittels einfacher Metallstützen und Zeltplane überdacht, umschlossen und mit einem Scheinwerfer beleuchtet. So entsteht ein etwas enger Innenraum mit intimer Atmosphäre, wo Schnaps getrunken und einfache Gerichte verspeist werden. In der koreanischen Bevölkerung erfreut sich Po-Sang-Ma-Tscha einer großen Beliebtheit, da es aufgrund seiner Lage und schlichten Beschaffenheit eine spontanere und unbefangenere Gelegenheit zum Trinken und Essen bietet als die üblichen Restaurants oder Kneipen. Auf die Wände der im Pavillon installierten Zeltkneipe werden Filme projiziert: als schwarze Schattenrisse zeigen die Filme Figuren, Gegenstände und Handlungsabläufe. Auf diese Weise nimmt die Künstlerin Bezug auf das visuelle Erlebnis, dass Menschen in der Zeltkneipe aufgrund der lichtdurchlässigen Materialität des Zeltes von Außen betrachtet als Schattenrisse erscheinen. Die Filmgeschichten beziehen sich auf Situationen, die die Künstlerin persönlich erfahren hat. Diese Erinnerungen und Assoziationen dienen ihr als Basis für die Inszenierungen. In Endlosschleifen generieren die Schattenkulissen und -figuren fiktive Geschichten in der Zeltkneipe, die jedoch weder einen Anfang noch ein Ende erkennen lassen und denen keine narrative Dramaturgie unterliegt.
Die Filme werden derart projiziert, dass der Handlungsraum der Figuren mit dem realen Raum des installierten Zeltes korrespondiert. Es entsteht ein vollständiges Bild eines Zeltes, in dem die fiktiven und zugleich realen Elemente durch das Herumgehen des Betrachters um den Pavillon nachvollziehbar werden. Auf der hinteren Längsseite der Zeltkneipe ist die als Gastwirtin identifizierbare Figur zu sehen, die hinter der Kochtheke konzentriert der Zubereitung von Speisen nachgeht. Der Film auf der vorderen Längsseite der Zeltkneipe zum Aasee zeigt vor der Kochtheke und der dahinter kochenden Gastwirtin drei Gruppierungen von Menschen (ein allein trinkender Mann, ein Paar und eine trinkende
Gesellschaft mit drei Männern), welche in unterschiedlichen Zeitpunkten im Verlauf des Films erscheinen und verschwinden. Auf der schmalen Seite der Zeltkneipe zeigen sich eine männliche und weibliche Figur, die, sich gegenseitig den Rücken zugewendet, am eigenen Tisch sitzend trinken. Alle Figuren vereinzelt oder in einer Gruppe verharren prinzipiell in ihrer eigenen Gesellschaft, sie treten selten in direkten Kontakt mit anderen. Dies geschieht etwa, wenn die Gastwirtin ihren Gästen Getränke bringt oder ein Mann von der Dreiergruppe den allein trinkenden Mann anspricht. Trotzdem erscheinen sie in der Szenerie durch die enge
räumliche Situation miteinander verbunden, fast intim. Hean Jung Lee präsentiert die Zeltkneipe als einen potentiellen Ort der menschlichen Zusammenkunft, wo Kommunikation in verschiedener Art entsteht. Die räumliche Enge und Nähe steigert unmittelbare und intime Kontakte zwischen Menschen, aber auch Konflikte und sie garantiert nicht unbedingt eine rege Kommunikation, wenn Menschen trotz vorhandener Gesellschaft verschlossen bleiben. Nähe und Distanz in der menschlichen Zusammenkunft erzeugen hier in der räumlichen Enge eine besondere Spannung und Irritation, was sich wiederum in fast jeder alltäglichen Beziehung und Kommunikation wieder finden lässt.Die Kongruenz zwischen dem fiktiven Filmraum und realen Raum prägt eine spezifische räumliche und zeitliche Dimension der Videoinstallation und ist bestimmend für die Wahrnehmung des Betrachters. Auf den ersten flüchtigen Blick hat man fast den Eindruck, dass sich die Figuren tatsächlich im Inneren der installierten Zeltkneipe bewegen und sich das filmische Geschehen in der Zeit der Betrachtung simultan vollziehen würde. Dieser Eindruck wird aber im nächsten Moment wieder konterkariert, wenn man sich der durch technische Eingriffe (Zeitlupeneffekte oder höhere Filmgeschwindigkeit) erzeugten zeitlichen Brüche und Verzerrungen bewusst wird. In dieser Weise verschieben sich ständig fiktive und reale Zeit- und Raumebenen. Die spezifische Einbindung des Betrachters in die Arbeit stellt sich durch akustische Effekte ein. Auf drei der Außenseiten des Pavillons werden jeweils zwei Lautsprecher zu jedem Film angebracht, wobei der eine Lautsprecher den Filmton (hörbare, aber nicht verständliche Gespräche, Kochgeräusche etc.) und der andere den Straßenlärm (Verkehrslärm, Schritte von Fußgängern etc.) überträgt. Dieser akustische Effekt versetzt den Betrachter in die Disposition eines Fußgängers auf einer fremden Straße, der auf dem Weg zufällig auf eine Zeltkneipe stößt, eine Weile das als Schattenriss erscheinende Geschehen in deren Inneren erblickt und die Geräusche belauscht. So findet sich der Fußgänger auf der Wiese am Aasee einen Moment lang auf einer fremden Straße wieder, wo sich die imaginäre Szenerie einer Zeltkneipe entfaltet.

 

So-Yean Goak