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A. EdischerowB. GreberSommer 2007A. WachholzN. Arbeiter 

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Der Wewerka Pavillon ist (fast) verschwunden. Stattdessen kann man dort auf der grünen Wiese des Aasees ein „Einfamilienhaus“ aufsuchen. Die Glasscheiben des Hauses sehen aus der Distanz derzeit aus wie verputzt,  fast wie die eines ganz normalen Einfamilienhauses. Türen, Fenster und die entsprechenden Vorgartengewächse verleihen dieser neuen Architektur einen täuschend realistischen Charakter. Es handelt sich allerdings um keine extravagante Architektur mit ihren Blumenkästen und zwei Kübeln mit Buchsbäumen, die seine Fassade schmücken. Bullaugenfenster zieren die neobarocke Eingangstür, diese und die große Glasschiebetür zum Garten stellen die Sicht- und Gehverbindung nach außen her. Efeu rankt die weißen Wände hinauf. Ein weiteres Klettergewächs bedeckt die Rückseite des Einfamilienhauses. Hier und da zieren kleine Bäume und Büsche die Wände. Dies alles sind Merkmale, die ein Durchschnittshaus in einem Vorort irgendwo kennzeichnen. Dementsrpechend ist alles auch ein bisschen bieder.

Adriane Wachholz hat in einer akribischen Arbeit die Details dieser Wohnarchitektur auf große weiße Papierbahnen gezeichnet.  Die architektonischen Grundelemente, die man darauf sieht, haben die tatsächlichen Dimensionen eines bewohnbaren Hauses. Die Papierbahnen mit ihren Bunt- und Bleistiftzeichnungen sind exakt auf die Glasscheiben des Wewerka Pavillons befestigt und geben die Fassade dieses bürgerlichen Heimes wieder. Aus der Distanz gesehen, fügen sich die unzählig benötigten Striche zu einer Art Trompe-l`œil zusammen. Nur wenn sich der Besucher dem Pavillons bzw. dem weißen Haus nähert, schwindet die scheinbar solide Gegenständlichkeit und wird zu einem großen Gefüge von fast manisch aufgetragenen Strichen. Es ist, als ob die Künstlerin mit diesem zeichnerischen und zugleich dreidimensionalen Modell eines Hauses prozesshaft die Wirklichkeit abtasten und sein wahres Wesen erkunden und aufdecken wollte. Mit der Zeichnung füllt sie das Innenleben des Hauses jedoch nicht aus. Dafür greift sie zur Kamera. In den Zeichnungen selbst sind keine Menschen zu sehen. Vielmehr hinterlassen sie den Eindruck, es sei gerade niemand zu Hause. Erst bei Dämmerung kehren die Bewohner zurück, das Licht geht an, das Haus scheint belebt und verwandelt sich in ein Heim, ein Zuhause. Durch die Fenster scheint nun das Licht und man nimmt Lebenszeichen durch Bewegungen wahr. Der Fernseher flimmert, Gardinen und Vorhänge wehen in einer leichten Brise. Auch die deutlich erkennbare Gestalt einer Person, die sich durch den Raum bewegt, erscheint im Licht des Fensters. Durch alle fünf Fenster wird nun in unterschiedlichen Zeiträumen dem Betrachter ein Blick in das Innenleben des Hauses gewährt. So wird eine bezaubernde Illusion von Lebendigkeit erzeugt. Hier ist nun nicht die Zeichnerin, sondern die Videokünstlerin Wachholz zu sehen. Filmaufnahmen der Innenräume eines anderen Hauses werden von innen mit Hilfe von Beamern auf die gezeichnete Fensterillusion projiziert.
Hier passiert nichts Unheimliches oder Spektakuläres, und dennoch fühlt man sich gefesselt von den unterschiedlichen und teilweise verwirrenden Wahrnehmungsmöglichkeiten, die dieses „Zuhause im Grünen“ hervorbringt oder vielleicht beansprucht. Zeichnungen und Film begeben sich in ein gegenseitig bedingtes Spiel von Illusionen. Wo fängt das Zeichnerische an, wo hören die filmischen Aufnahmen einer konkreten Wirklichkeit auf? Was gehört der Innenwelt an, wo hört die Außenwelt auf? Wo beginnen die Projektionen unserer Phantasie und wo enden die realen Konturen der gegenständlichen Welt? In Adriane Wachholz’ Kunstwerk sind diese Konturen verwirrend und durchlässig geworden. So entfaltet sich im Wewerka Pavillon ein bezauberndes und zugleich verwirrendes Spiel mit unserer Wahrnehmung. Vielleicht nicht ganz unähnlich unserer Vorstellungen von einem Häuschen im Grünen, wie sie mit unseren Emotionen und Sehnsüchten umwebt und mit privaten und persönlichen Geschichten verquickt sind. Kaum ein Objekt beflügelt unsere Gefühlswelt so stark wie das Bild eines Zuhauses. Tatsächlich existiert es aber nur in unserer Einbildung als ein Abbild von realen Tatsachen und Projektionen von Sehnsüchten, Momenten der Phantasie und Träumereien: als Kombination aus Realität und Illusion - nicht  unähnlich diesem Haus im Grünen von Adriane Wachholz auf der Wiese des Aasees.

Gail Kirkpatrick